Industrieroboter-Design: „Professionelle Produkte brauchen ein professionelles Erscheinungsbild“

Seit 25 Jahren gestaltet Mario Selic die Roboter von KUKA und gibt ihnen das unverkennbare Aussehen. Damit hat er schon mehr als 70 Designpreise gewonnen. Welche Gedanken er sich dabei im Vorfeld macht, wann er in den Prozess eingebunden wird und wie seine Philosophie aussieht, erzählt der Augsburger Designer im Interview.

Herr Selic, wenn Sie einen Roboter designen, welches Ziel verfolgen Sie dann?

„Mir ist wichtig, den Roboter auf der einen Seite als sympathischen Helfer darzustellen, auf der anderen Seite seine Kraft zu demonstrieren. Schon als ich damals für KUKA das erste Design gemacht habe, habe ich den Roboter nicht als eine martialische Maschine gesehen. Für mich sind die Roboter vielmehr leichtfüßig und verkörpern einen Zehnkämpfer, der in den verschiedensten Disziplinen herausragende Leistungen erbringt. Genau wie der Roboter. Und das möchte ich mit meinen Designs darstellen.“

Wie kamen Sie überhaupt zu dieser Aufgabe?

„Als selbstständiges Design-Büro haben wir schon damals an Wettbewerben teilgenommen, auch wenn es noch lange nicht so viele gab wie heute. Als wir einen Preis gewonnen haben, berichteten die Medien darüber. So ist KUKA auf uns aufmerksam geworden und hat uns zu einem Pitch eingeladen, also sozusagen einen Angebotswettstreit verschiedener Designer. Wir haben das Rennen gemacht – und im März 1995 den ersten Auftrag von KUKA bekommen.“

Worum ging’s?

„Um das Programmierhandgerät, mit dem man den Roboter steuern und einstellen konnte. Ehrlich gesagt war ich etwas enttäuscht, weil ich dachte, ich darf direkt an einen Roboter ran. Aber das Handgerät war den Verantwortlichen bei KUKA sehr wichtig. Wir haben die Arbeit der Ingenieure kennengelernt und konnten zeigen, dass wir die Technikersprache in Design übersetzen können. Kurz darauf folgte dann auch schon der Auftrag für das erste Roboter-Design. Es war der Beginn einer sehr erfolgreichen Zusammenarbeit, die bis heute andauert.“

Eine von vielen Auszeichnungen: Der KR 20 CYBERTECH ist mit dem RedDot Award 2017 für Produktdesign ausgezeichnet worden.

Wie schwierig war es, sich in der Ingenieurswelt zurechtzufinden?

„Es ging recht zügig, immerhin hatte ich schon im Studium eine technische Ausbildung und konnte mit den Begriffen etwas anfangen. Natürlich musste sich die Zusammenarbeit erst formen. So wie ich mich in die Ingenieure hineindenken musste, mussten auch sie die Grundregeln des Designs verinnerlichen. Heute sind auch die Ingenieure sehr gute Designer.“

Design war in der Branche damals ein Novum.

„Das stimmt. Keiner der Wettbewerber von KUKA hat sich damals mit diesem Thema be-fasst, daher sehen wir uns mit KUKA in dieser Hinsicht durchaus als Wegbereiter. Unser gemeinsames Verständnis war – und ist es übrigens bis heute: Professionelle Produkte brauchen ein professionelles Erscheinungsbild. Damit haben wir uns schnell vom Markt abgehoben und die KUKA Roboter hatten ein Alleinstellungsmerkmal. Heute arbeiten auch alle anderen Firmen in diesem Bereich mit Designern zusammen.“

Inwiefern haben sich die Designs verändert?

„Die Technik hat sich natürlich weiterentwickelt, sie ist feiner und leistungsfähiger geworden. Daher haben wir auch das Erscheinungsbild des Roboters immer weiter angepasst. Am Anfang war mein Ziel, die Roboter mit vielen weichen Formelementen möglichst lebendig wirken zu lassen. Seit ein paar Jahren gestalten wir sie wieder etwas kantiger, um uns von der Konkurrenz mehr abzuheben. Trotzdem behalten wir aber einen gewissen Schwung bei und achten darauf, die Übergänge zwischen den einzelnen Gliedern möglichst weich zu gestalten. Das optimiert auch den Kraftfluss des Roboters.“

Ab welchem Zeitpunkt werden Sie in den Prozess der Entwicklung eingebunden?

„Sobald die technischen Anforderungen und die Spezifikationen wie etwa Arbeitsraum, Traglast und Antriebe feststehen, komme ich dazu. Gemeinsam besprechen wir das Konzept und dann fange ich auch schon an, Design-Entwürfe zu machen. Früher habe ich das noch mit Stift und Papier gemacht, heute passiert alles am Rechner. Ich gebe eine grobe Form vor und zeige den Ingenieuren meine Vision, die wir dann gemeinsam ausarbeiten. Die gesamte Entwicklungszeit kann zwischen ein paar Monaten und bis zu zwei Jahren dauern, je nachdem wie komplex die Maschine ist. Bis die Gussformen entstehen, bin ich im Prozess dabei. Dann klinke ich mich aus und komme nur nochmal dazu, wenn sich in der Testphase gravierende Änderungen ergeben sollten.“

Beziehen Sie die Kundenbedürfnisse in Ihre Überlegungen mit ein?

„Die sogenannte Customer Journey spielt vor allem in der Kleinrobotik und bei der Mensch-Roboter-Kollaboration eine Rolle. Hier achten wir darauf, dass die Ergonomie der Maschine passt und dass etwa der Sicherheitsabstand zwischen den beweglichen Teilen groß genug ist, um Menschen nicht zu gefährden. Bei Industrierobotern dagegen muss man auf solche Aspekte weniger Rücksicht nehmen, da sie ja sowieso in abgeschlossenen Zellen agieren.“

Erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen KUKA und Mario Selic: 2019 gab es gleich fünf Auszeichnungen für exzellentes Design.

Sie haben auch in diesem Jahr schon Design Awards abgeräumt. Was macht das Aussehen der KUKA Roboter so herausragend?

„Das sind zum einen die klaren Linien und Lichtkanten, die nicht etwa durch Schrauben oder Bohrungen optisch beeinträchtigt oder gar unterbrochen werden. Zum anderen konzentrieren sich die KUKA Designs auf das Wesentliche. Alles Überflüssige lassen wir weg und specken die Maschine soweit ab, dass am Ende ein durchtrainierter Athlet dasteht, um wieder auf das Bild des Zehnkämpfers zurückzukommen. Während der Sportler kein Gramm Fett zu viel haben darf, versuchen wir auch beim Roboter, die Masse zu reduzieren. Zum einen, weil jedes Kilogramm Material Geld kostet, zum anderen, weil der Roboter dadurch leichter, agiler und optisch dynamischer wird. Genau das macht Roboter von KUKA aus.

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