Karlsson in the workshop

Der verrückte Schuhmacher

Tagsüber verkauft Tomas Karlsson Automatisierungslösungen für Lager- und Verteilzentren, abends setzt er sich an seine Nähmaschine und fertigt Maßschuhe in stundenlanger Kleinarbeit. Das Handwerk hat er im Internet gelernt, mittlerweile schafft er Modelle, die im Laden 2000 Euro kosten würden.

Wer denkt, Schuhe zu fertigen sei eine ungefährliche Beschäftigung, die man mal eben so zu Hause ausüben kann, liegt laut Tomas Karlsson falsch: „Ich habe sehr viel Blut, Schweiß und fast auch Tränen reingesteckt. Man benutzt wirklich spitze Messer und Ahlen (Anm. d. Red.: ein Schusterwerkzeug, mit dem Löcher in Leder gestochen werden) und ehe ich raus hatte, wie man mit ihnen umgeht, hatte ich mir schon die Hand mit einer Ahle durchbohrt. Das ist aber zum Glück schnell verheilt.“

Der Sales Manager braucht rund 60 Stunden für ein Paar Schuhe. Das ist nur etwa ein Drittel mehr Zeit als ein Profi. Zusammen mit seiner Freundin hat er sich extra eine kleine Werkstatt gemietet. Während er dort Schuhe fertigt, repariert sie alte Möbel. „Und unsere zweijährige Tochter ist immer dabei und freut sich an den ganzen tollen Sachen dort“, beschreibt Karlsson. „Das hat sich zu einem richtigen Familien-Ding entwickelt. Nach der Arbeit gehen wir oft zusammen in unsere kleine Werkstatt.“

Diese selbstgemachten, zweifarbigen Oxfords trug Karlsson am Tag des Interviews mit der Redaktion

Step by Step

Um einen Schuh zu fertigen, sind viele Einzelschritte notwendig. Thomas Karlsson hat sich nicht auf Espandrilles oder einfache Latschen spezialisiert, sondern auf maßgeschneiderte „Goodyear Welted Shoes“. Bis zum heutigen Tage können die besten „Goodyear Welted Shoes“ nur mit der Hand gemacht werden. Die Schuhe stehen für langlebige Qualität und sind entsprechend komplex in ihrer Herstellung. Eine Herausforderung für den Perfektionisten Karlsson. Ihren Namen haben die Schuhe übrigens von der Einstechmaschine, mit der sie hergestellt werden. Die wurde nämlich von Charles Goodyear Junior patentiert – dem Sohn des Gummierfinders, dem wir die heutigen Autoreifen zu verdanken haben.

Zuerst braucht man sieben verschiedene Maße vom Fuß sowie dessen Abdruck. Daraus wird dann eine maßgeschneiderte Schuhleiste gefertigt – quasi eine Reproduktion des Fußes. Anschließend muss das Schuhmuster auf die Schuhleiste gemalt werden. Dann schneidet man die Einzelteile aus dem Leder und näht sie zusammen, bevor alles so geformt und gestreckt wird, dass der Schuh perfekt zum Fuß passt. Jetzt kommt das, was den Schuhen ihren Namen gibt: der handgenähte Goodyear-Rahmen. Im letzten Schritt wird die Sohle angebracht, und der Absatz wird mit Schichten aus dickem Leder aufgebaut. Für den Feinschliff wird schließlich die Schuhleiste entfernt und der Schuh poliert.

Wieso mache ich eigentlich keine Schuhe?

Nach vier Jahren in den USA, die der gebürtige Schwede dort beruflich verbrachte, kehrte er 2014 zurück in die Heimat. Dort musste sich Karlsson erst wieder einleben. Und dazu gehört natürlich auch ein ordentlicher Freizeitausgleich.  „Ich habe hin- und her überlegt, wie mein Hobby denn aussehen soll. Es musste ein Ausgleich zu meiner eher digitalen Arbeit sein. Etwas, bei dem ich meine Hände benutzen kann“, erinnert er sich. Als erstes kam ihm Golf in den Sinn. Das hat er auch probiert, allerdings schnell gemerkt, dass es nichts für ihn war. Nach einem halben Jahr auf Hobby-Suche kam schließlich die zündende Idee: „Wieso mache ich eigentlich keine Schuhe?“

Bücher, YouTube und Facebook

Karlsson musste sich anfangs viel selbst beibringen. Sein Motto lautete: „Trial-and-error“, also einfach ausprobieren. Und von den „errors“ gab es anfangs viele. „Es ist ja wichtig, dass man immer zwei Schuhe macht, einen rechten und einen linken“, erklärt Karlsson schmunzelnd. „Ich habe aber am Anfang nur immer linke Schuhe gemacht. Ich hatte Angst, die gleichen Fehler vom linken beim rechten Schuh zu wiederholen. Oder noch schlimmer: den rechten Schuh viel besser zu machen. Jetzt stehen halt sieben einzelne linke Schuhe bei mir rum.“

Dieses Paar fertigte Karlsson für einen Freund an – er hat mit seinen großen Füßen Schwierigkeiten beim Schuhkauf

Um sich in sein Hobby einzuarbeiten, beschaffte er sich Bücher. Viele waren aber so veraltet, dass man sie kaum noch brauchen konnte. Und in entsprechenden YouTube Videos waren 14 Stunden Arbeit in fünfminütigen Clips zusammengefasst. Damit konnte er nicht viel anfangen. Irgendwann stieß er auf eine Facebook Gruppe mit vielen Gleichgesinnten. Und seitdem geht es steil bergauf. Die Gruppe zählt über 12.000 Mitglieder, Tendenz steigend. Auch wenn nur 200 davon wirklich aktiv sind, ist der Austausch hier Gold wert. „Das erste Material, aus dem ich Schuhe machen wollte, war komplett ungeeignet“, weiß er heute. „Und ich musste anfangs noch furchtbar viel wegwerfen.“ Mittlerweile arbeitet er mit teuren Lederarten wie Rhabarber oder Shell Cordovan aus Pferdehaut.

Sie sind wunderschön

Die Beschaffung der speziellen Werkzeuge, die man als Schuhmacher braucht war nicht leicht, doch im Internet konnte er alles Nötige finden. Und die Mühe war es wert. „Sie sind einfach wunderschön“, schwärmt Karlsson. Vor allem seine Nähmaschine aus dem Jahr 1906 hat es ihm angetan. „Die ist einfach so cool! Man kann sehen, wie sich die gesamte Mechanik darin bewegt.“

Sein nächstes Projekt sind Winterstiefel – bis zum Sommer sollten sie fertig sein, sagt er und lacht. „Früher schaffe ich das nicht. Das ist auch der Grund, warum ich meiner Tochter noch keine Schuhe mache. Bis sie fertig wären, ist sie schon lange wieder rausgewachsen. Leider zählt die Ausrede bei meiner Freundin nicht“, lacht Karlsson. Sein nächstes Paar soll für sie sein.

Die Winterschuhe wurden letztlich sogar doch noch rechtzeitig zum Winter fertig

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