Das Klingeln nach dem Klick

Die Welt ist im digitalen Einkaufsfieber. Online-Shopping ist beliebter denn je und die Wünsche der Kunden werden dabei immer anspruchsvoller. Ob Lagerung von ständig wechselnder Warenvielfalt oder umweltfreundliche Rekordzustellung durch staugeplagte Megastädte: Logistiker müssen sich auf die Herausforderungen von morgen vorbereiten.

Vom weihnachtlichen Rentierpullover über Fair-Trade-Bio-Kaffee bis zum frisch gepflückten Blumenstrauß: Die Produktauswahl im Internet scheint unerschöpflich. Und nach dem Klick warten die Kunden auf das Klingeln des schnellen Lieferboten.

Allein in Deutschland nutzten 2016 rund 67,6 Prozent der Einwohner den Online-Handel, Tendenz steigend. 2017 erreichte die Welt einen globalen Meilenstein: Erstmals war die Hälfte ihrer Bewohner online – und täglich werden es mehr. Nach einer EU-Studie wird sich zudem die globale Mittelschicht zwischen 2009 und 2030 mehr als verdoppeln. Das bedeutet zusammengefasst: Mehr Menschen mit Internetzugang, die es sich leisten können, online einzukaufen – und das auch nutzen.

Lagerhaus-Zeppeline könnten in Stadtnähe schweben, Drohnen fliegen die Ware von dort zum Kunden.
Lagerhaus-Zeppeline könnten in Stadtnähe schweben, Drohnen fliegen die Ware von dort zum Kunden.

Was Kunden dagegen gar nicht mögen, sind lange Wartezeiten auf ihre Einkäufe. Dem Paketdienst DHL zufolge legen 85 Prozent aller Online-Shopper den größten Wert auf eine schnelle und zuverlässige Zustellung, 50 Prozent der Befragten haben Einkäufe schon wegen ungenügender Lieferoptionen abgebrochen. Die Lieferung am nächsten oder gleichen Tag bieten große Händler bereits an, doch die Zukunft gehört der Next-Hour-Delivery, der Zustellung innerhalb einer Stunde.

Welche logistischen Herausforderungen diese Express-Lieferoptionen mit sich bringen, ahnt jeder, der zum Berufsverkehr ins Auto steigt und versucht, zügig durch eine Großstadt zu fahren. Deshalb beschäftigen sich Experten mit der schnelleren und effizienteren Zustellung und neuen Lagerformen.

»Das Lagerhaus der Zukunft wird so kompakt wie möglich sein, damit es an jeden verfügbaren Platz passt, mit selbstlernenden Robotern, um es flexibel zu machen«, sagt Logistik-Experte Michiel Veenman vom Schweizer Automatisierungsunternehmen Swisslog. Denn je kleiner ein Lager, desto näher kann es an die Wohngebiete der Städte rücken. Diese urbanen Distributionszentren verringern den Weg für die Lieferboten und sparen Zeit.

Mit der flexiblen Technologie der Zukunft lassen sich automatisierte Lagersysteme zudem schneller umbauen, Änderungen in der Produktpalette sind kein Problem mehr. »Vor allem die Modebranche ist sehr schnelllebig, das Angebot wechselt laufend«, erklärt Veenman. Selbstlernende Roboter und Softwarelösungen helfen, die schier unendliche Produktvielfalt zu verwalten. Die Unterstützung durch Logistikroboter kann zudem den Personalmangel in der Branche ausgleichen.

Flexibilität ist enorm wichtig, denn die »Sharing Economy« hat nicht nur bei Autos und Musik Zukunft. Nach diesem Prinzip könnte auch das Warenlager flexibel geteilt statt gekauft werden, mit modularen Einheiten, die sich je nach Bedarf wie Klötze im Baukasten umsetzen lassen und intelligenten Robotern, die einen neuen Mieter mit anderen Produkten sofort erkennen und deren Einsatz auf Service-Basis abgerechnet wird. Pay-per-Pick statt teurer Dauerlagerung also.

Einige Ideen greifen die Möglichkeit auf, Carsharing auch zum Ausliefern von Paketen zu verwenden.
Einige Ideen greifen die Möglichkeit auf, Carsharing auch zum Ausliefern von Paketen zu verwenden.

Im hart umkämpften Logistikmarkt können Anbieter so auf extreme Schwankungen in der Nachfrage reagieren. Das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik macht sich Gedanken über urbane Logistik und schlägt vor, beispielsweise Parkhäuser vorübergehend als Lagerhaus zu nutzen, wenn etwa vor Weihnachten Millionen Menschen an ihren Smartphones auf »jetzt kaufen« drücken.

Auch die »letzte Meile« zum Kunden könnte geteilt werden. Wenn dutzende Anbieter mit halbvollen Lieferwagen durch verstopfte Straßen zur selben Adresse fahren, ist das eine Belastung für Umwelt und Infrastruktur – und für die Bilanz der Anbieter. Eine effiziente »shared last mile« mit elektrisch betriebenen Lieferfahrzeugen würde für Logistikunternehmen Kosten sparen und Städte und Umwelt entlasten.

»Da Bürger und Politik zunehmend nicht nur eine funktionierende, sondern auch eine saubere, leise, nicht störende Logistik erwarten, wird die Beschäftigung mit Elektromobilität und neuen Transportmitteln für Logistikunternehmen zwingend erforderlich«, sagt Prof. Uwe Clausen, Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML. »Belieferungskonzepte, in denen ein Fahrer zu bestimmten Teilen der Tour nicht zwingend in seinem Fahrzeug sein muss, werden sehr spannend sein«, so Clausens Prognose. »Den stationären Handel wird es weiter geben, aber er wird sich wandeln, um Kunden weiter begeistern zu können.«

Wir können nur Prognosen abgeben, wie die Städte der Zukunft und unser Kaufverhalten von morgen aussehen. DHL hat sich in einer Studie mit verschiedenen Zukunftsszenarien beschäftigt. Werden wir selbst an der nächsten Ecke mit dem 3D-Drucker unsere Wunschprodukte ausdrucken, so wie wir es heute mit Fotos im Drogeriemarkt machen? Werden wir in Megastädten leben, die nur dank effizienter Logistik funktionieren und in denen die Menschen Dinge mieten statt kaufen?

»Insgesamt zeigt die Studie deutlich, dass sich die Rolle der Logistik in den nächsten Jahrzehnten stark verändern wird. Das gilt für alle beschriebenen Szenarien«, sagte Post-Chef Frank Appel in einem Interview zur Studie. »Allen gemeinsam ist zugleich aber auch eine für unsere Branche sehr erfreuliche Botschaft: Der Bedarf an Logistikdienstleistungen wird in nahezu allen Fällen steigen.«

Die Logistik von morgen?

  • Lager-Zeppeline
    Ende 2016 machte ein großer Online-Händler Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass er sich computergesteuerte, fliegende Luftschiffe patentieren ließ. Der Plan: Die Lagerhaus-Zeppeline könnten in Stadtnähe schweben, Drohnen fliegen die Ware von dort zum Kunden.
  • Der fliegende Paketbote
    Die Straßen sind verstopft, der Luftraum ist jedoch frei: Das spart Zeit und Weg. Logistikunternehmen testen deshalb die Zustellung per Drohne. Die kleinen Fluggeräte könnten nicht nur Stadtbewohnern ihre Einkäufe zustellen, sondern auch Waren in schwer zugängliche Gebiete fliegen oder als Medikamentenlieferant für humanitäre Zwecke eingesetzt werden.
  • Unterirdische Rohrpost
    Vorbild Maulwurf: Mehrere Unternehmen und Start-ups beschäftigen sich mit der Idee, Waren und Güter durch unterirdische Tunnelsysteme zu verschicken. So könnten die Produkte ohne Stau und Umwege ans Ziel gelangen und Straßen und Umwelt entlasten.
  • Ein Fahrzeug, viele Möglichkeiten
    Einige Ideen greifen die Möglichkeit auf, Carsharing auch zum Ausliefern von Paketen zu verwenden. Entweder können die Auto-Mieter auf ihrem Weg das Paket mitnehmen und erhalten dafür einen Rabatt auf das Carsharing, oder autonome Fahrzeuge nutzen Standzeiten, um Pakete auszuliefern.

Sie interessieren sich für Logistik Automatisierung? Auf der Swisslog Website finden Sie Informationen und Ansprechpartner.

Die City-Logistik ist im Umbruch. Wie eine zukunftsfähige Logistik für lebenswerte Städte aussehen kann, lesen Sie im Blogbeitrag Smart Cities und intelligente Vernetzung – zukunftsfähige Logistik für lebenswerte Städte.

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