Mensch-Roboter-Kollaboration in der Produktion der Zukunft.

Momentaufnahme 4.0

2011 gelangte der Begriff Industrie 4.0 erstmals an die Öffentlichkeit und prägt seitdem weltweit die Diskussion um die moderne Fertigung. Sieben Jahre später blicken wir mit einem der Väter von Industrie 4.0, Prof. Henning Kagermann, auf die Errungenschaften und Herausforderungen der vierten industriellen Revolution – eine Bestandsaufnahme.

Nach Angaben der Plattform Industrie 4.0 hängen rund 15 Millionen Arbeitsplätze direkt und indirekt von der produzierenden Wirtschaft ab, sie ist Deutschlands größter Jobmotor. Doch die Anforderungen an die Produktion verändern sich. Dabei helfen wandlungsfähige Fabriken, intelligente Roboter und vernetzte Maschinen.» In der Industrie 4.0 verzahnt sich die Produktion mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik. Treibende Kraft dieser Entwicklung ist die rasant zunehmende Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Sie verändert die Art und Weise, wie in Deutschland produziert und gearbeitet wird: Nach Mechanisierung, Elektrifizierung und Automatisierung läutet jetzt die zweite Welle der Digitalisierung die vierte industrielle Revolution ein«, sagt Henning Kagermann.

Industrie 4.0 bedeutet also: Individualisierung und Autonomie statt Standardisierung und Automatisierung.

Industrie und Produktion fit für die Zukunft zu machen, ist aber auch eine soziale und gesellschaftliche Mammutaufgabe. Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche, sie verändert unser Lernen und Arbeiten. Viele Menschen begleiten Sorgen vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder Berührungsängste mit neuen Technologien.

Akzeptanz entscheidet

»Neue Technologien werden dann akzeptiert, wenn der Einzelne von der Technologie profitiert und im Umgang mit ihr autonom bleibt«, sagt Kagermann. »Gleiches gilt für den Prozess der Digitalisierung.« Ein Beispiel dafür ist das E-Government: Hier profitieren Bürgerinnen und Bürger davon, dass Papierformulare und lange Wartezeiten bei Behörden durch Online-Services und digitale Post ersetzt werden. E-Government und der persönliche Nutzen dadurch könnten dazu beitragen, Berührungsängste mit der digitalen Welt abzubauen. Akzeptanz ist ein Erfolgsrezept zur schnellen Umsetzung von Industrie 4.0. Und Geschwindigkeit spielt im globalen Wettbewerb eine größere Rolle denn je, denn im Ausland wird die deutsche Initiative mit großer Aufmerksamkeit verfolgt.

Die Konkurrenz schläft nicht

»Wir haben in Deutschland eine vielfältige Wirtschaft mit Stärken in vielen Industriesegmenten und den Ruf, komplexe Systeme hervorragend aufbauen und beherrschen zu können. Natürlich darf man sich darauf nicht ausruhen. Es gibt viele Länder mit ähnlichen Visionen und Zielsetzungen, wie wir sie verfolgen«, sagt Kagermann »Groß angelegte Initiativen haben wir gerade im asiatischen Raum. So fährt man in China derzeit das Programm ›China 2025‹, für das Industrie 4.0 Vorbild war. Die japanische Regierung hat die Initiative ›Society 5.0‹ und eine ›Industrial-Value-Chain-Initiative‹ mit einem Schwerpunkt auf Robotik gestartet. In Südkorea gibt es die ›Smart-Factory-Initiative‹ und seit kurzem das umfassendere Programm ›Vierte industrielle Revolution‹, eine Kombination aus Industrie 4.0 und Smart-Service-Welt.« Ein wichtiger Faktor für den Erfolg von Zukunftsinitiativen ist ein starker, homogener Markt, wie ihn China oder die USA haben. »Wenn sie einen homogenen Heimatmarkt haben, in dem Sie groß werden können, ist es leichter, skalierbar zu wachsen und Standards zu setzen. Europa braucht deshalb einen digitalen europäischen Binnenmarkt, um im globalen Wettbewerb ein stärkeres Gewicht zu haben.«

Noch hat Deutschland einen leichten Vorsprung. Seit 2011 hat sich extrem viel getan, um Innovationen voranzutreiben. Dazu zählen Technologieprogramme, Modellfabriken und Initiativen wie die Plattform Industrie 4.0, die Politik, Wirtschaft und Wissenschaft vereint. Doch andere Länder könnten Deutschland bald überholen, denn besonders in zwei Punkten gibt es großen Nachholbedarf.

Digitale Infrastruktur und digitale Bildung

»Der Breitbandausbau ist ein Bereich, in dem wir in Deutschland noch Nachholbedarf haben«, sagt Kagermann. Mitte 2016 hatten nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung 38 Prozent aller Unternehmen in Deutschland mit zehn und mehr Beschäftigten einen Internetanschluss mit einer Datenübertragungsrate von mindestens 30 MBit/s. Damit liegt Deutschland im europäischen Mittelfeld. Spitzenreiter ist demnach Dänemark mit 65 Prozent. Wenn die digitale Infrastruktur nicht bald den Anforderungen angepasst wird, könnte Deutschland den Anschluss verlieren.
Auch am Thema Bildung wird sich der Erfolg von Industrie 4.0 entscheiden. »Wir müssen junge Menschen auf ein Arbeitsleben vorbereiten, das anders aussehen wird, als wir es heute kennen«, sagt Kagermann. »Ein Mangel an zeitgemäßer IT-Ausstattung der Schulen und fehlende Fort- und Weiterbildungen von Lehrkräften tragen laut dem MINT Nachwuchsbarometer 2017 von acatech und der Körber Stiftung dazu bei, dass die Entwicklung in der Bildung hinterherhinkt.«

Experten fordern, dass Schüler individueller und mit Multimedia-Material lernen sollten. Online-Feedback kann helfen, Lehrmittel schnell zu aktualisieren. So könnten Schüler mit Multimedia-Material statt mit jahrzehntealten Schulbüchern arbeiten und individuell zugeschnittene Lernmöglichkeiten erhalten.

Lebenslanges Lernen – und eine persönliche Erfolgsformel

Durch eine breite Ausbildung und beständige Weiterbildung über das gesamte Berufsleben können Beschäftigte mit den technologischen Entwicklungen Schritt halten und ihren Platz in der Wirtschaft von morgen finden.

Arbeitsplätze der Zukunft werden Berührungspunkte mit vielen Bereichen haben, interdisziplinäres Arbeiten wird immer wichtiger werden. Was werden die wichtigsten Kompetenzen der Berufe 4.0 sein? »Selbstmanagement, eine gewisse Flexibilität und die Fähigkeit, in heterogenen Teams zu arbeiten«, ist sich Henning Kagermann sicher.

Kritiker sagen, dass industrielle Revolutionen erst im Rückblick als solche erkannt wurden. Industrie 4.0 entwickelt sich dagegen gerade erst, etliche Weichen müssen noch gestellt werden. Manche bevorzugen deshalb den Begriff Evolution statt Revolution. Sicher ist: Es ist eine gewaltige Veränderung im Gange und wir haben heute die Möglichkeit, diese mitzugestalten.

Prof. Henning Kagermann is one of the initiators of Industrie 4.0.

Henning Kagermann ist habilitierter Physiker, ehemaliger Vorstandssprecher der SAP AG und ehemaliger Präsident von acatech – der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Er zählt zu den einflussreichsten Gestaltern der Industrie 4.0 und prägte den Begriff maßgeblich mit. Henning Kagermann ist Mitglied in zahlreichen Gremien und Initiativen. Seit 2017 ist er Aufsichtsratsmitglied der KUKA AG.

Erfahren Sie mehr über Industrie 4.0 bei KUKA. 

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