Symbolbild KI

Künstliche Intelligenz – Die neue Harmonie zwischen Mensch und Maschine?

Es ist eine Technologie, die fasziniert und polarisiert: künstliche Intelligenz (KI) verändert die Welt und eröffnet neue Möglichkeiten. Zuletzt haben vor allem Hollywood-Filme und überspitzte Vorher­sagen die Diskussionen um KI geprägt und bei vielen Menschen Ängste geweckt. Sepp ­Hochreiter aus Linz und Martin Ruskowski aus Kaiserslautern sind renommierte Experten auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Im gemeinsamen Gespräch ­diskutieren die beiden Professoren über Chancen und unrealistische Erwartungen – und warum nicht nur der Mensch Zeit braucht, dazuzulernen. 

Martin Ruskowski

Martin Ruskowski ist Professor am Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen und Steuerungen der Technischen Universität Kaiserslautern. Er forscht dort und am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) an Themen wie der Interaktion von Mensch und Maschine sowie Industrie 4.0. Zuvor war er bei KUKA Industries für die globale Forschung und Entwicklung verantwortlich.

Sepp Hochreiter

Sepp Hochreiter ist Professor am Institut für Bioinformatik der Johannes-Kepler-Universität in Linz. Dort forscht der Computer­wissen­schaftler an Themen wie maschinellem Lernen und Bioinformatik, unter anderem für die Gen-Analyse oder für die Entwicklung von Medikamenten.

Herr Professor Hochreiter, Herr Professor Ruskowski: Was verstehen Sie unter künstlicher Intelligenz?

Hochreiter: Ich verstehe darunter eine Maschine mit kognitiven Fähigkeiten, die man Menschen zuschreibt. So hat es schon John McCarthy 1956 definiert. So eine Maschine nimmt die Welt wahr, plant und zieht logische Schlussfolgerungen, um ein Ziel zu erreichen.

Ruskowski: Für mich fasst künstliche Intelligenz vor allem eine Gruppe besonderer mathematischer Verfahren zusammen. Diese machen zum Beispiel Mustererkennung möglich, maschinelle Lernprozesse und auch die Interaktion einer Maschine mit ihrer Umwelt in dem Sinne, wie Sie, Herr Hochreiter, es definieren. Die ursprüngliche Definition von McCarthy geht mir aber zu weit.

Ihre Definition, Herr Professor Hochreiter, klingt so, also wolle man mit KI einen „neuen“ Menschen schaffen. 

Hochreiter: Eine Maschine, die wie ein Mensch aussieht, aber kein Mensch ist, würde zu viele ethische Probleme aufwerfen, das wäre geradezu eine Dummheit. Wir sollten vielmehr etwas entwickeln, was uns möglichst umfassend unterstützt.

Ruskowski: Den Menschen nachzubauen, ist nicht sinnvoll, da stimme ich zu. Man muss differenzieren: In der KI gibt es zwei Ansätze: die starke KI, die verstehen will, wie der Mensch funktioniert, und die schwache KI, die die Fähigkeiten des Menschen erweitert. Diesen zweiten Ansatz verfolgen wir am DFKI, zum Beispiel wenn es darum geht, KI für die Produktion einzusetzen. Für uns ist KI so etwas wie ein Adapter zwischen der digitalen und der menschlichen Welt. Wir Menschen sind zum Beispiel schlecht im Verarbeiten großer Datenmengen. KI kann hier die Vorverarbeitung übernehmen, sodass wir auf dieser Basis bessere und schnellere Entscheidungen treffen können.

Hochreiter: Das halte ich für nicht so zielführend. Für mich ist die starke KI der interessantere Weg. Wir wollen komplette Systeme bauen, die sehen, hören, verstehen und mit Objekten hantieren können. Diese Universalsysteme spezialisieren sich dann: Eines kocht, ein anderes putzt und wieder ein anderes arbeitet als Dachdecker. Facebook, Google und Amazon arbeiten in ihren Bereichen schon an solchen Universalsystemen, auch die Automobilhersteller zur Erkennung der Umwelt für autonomes Fahren.

Ruskowski: Ein System für alles ist aus meiner Sicht nicht der richtige Weg. Ich glaube an eine Diversifizierung mit vielen kleinen Systemen, aus denen wir uns spezialisierte Fähigkeiten rauspicken und sie modular zusammenbauen. Was mir an Ihrem Ansatz Sorgen macht, ist die Monopolisierung in der Hand einzelner Player. Ein System wie Facebook hätte dann noch mehr Einfluss auf unser gesamtes Leben.

Martin RuskowskiUnabhängig davon, welchen Ansatz wir verfolgen – glauben Sie, die KI wird die menschliche Arbeitskraft verdrängen?

Ruskowski: Nein. Beispiel Deutschland: Wir automatisieren seit Jahrzehnten und haben trotzdem in vielen Bereichen Vollbeschäftigung. Schon in den 1980ern träumten Ingenieure von menschenleeren Fabriken. Das hat sich nicht bewahrheitet – zum Glück. Woran liegt das? Manche meinen, KI wäre kostengünstig oder gar umsonst, das stimmt aber nicht. Diese Systeme sind so aufwendig, dass ihre Entwicklung mit erheblichen Kosten einhergeht. Deswegen wird die KI den Menschen nicht ohne weiteres aus unseren Fabriken verdrängen. Ganz im Gegenteil: Mithilfe dieser Technologien könnten wir sogar Industrieproduktion nach Europa zurückholen. Voraussetzung ist, es gelingt uns, den Automatisierungsprozess weiter zu denken: Bisher musste sich der Mensch an die Maschinen anpassen. Dank KI ist es erstmals möglich, die Automatisierung an den Menschen anzupassen, Maschinen also zu seinem nützlichen Begleiter zu machen.

Hochreiter: Ich glaube auch, dass es durch KI mehr Arbeit geben wird und nicht weniger. Die Maschinen werden intelligenter, sie werden mit dem Menschen sprechen. Eine Drehmaschine wird mitteilen können, dass das Schmiermittel zu heiß oder der Span zu lang ist. Der Mensch wird von Routinearbeit entlastet, agiert als Lehrer oder Lehrmeister und kümmert sich nur noch um die Ausnahmen, das sind die viel interessanteren Tätigkeiten.

Ruskowski: Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, bei der Einführung solcher Systeme die Arbeitnehmer und Betriebsräte von Anfang an einzubeziehen. Die Transformation muss bottom-up geschehen und nicht von oben verordnet. Wichtig ist Transparenz, zum Beispiel wenn es um Überwachungstechnik geht.

Hochreiter: Ja, die Anwender sollen verstehen, was passiert, und dadurch in die Lage versetzt werden, aktiv mit zu gestalten.

Kinofilme zeigen künstliche Intelligenz meist als Bedrohung – steckt in der Fiktion eine Spur Realität?

Hochreiter: Es stimmt, dass manche sich vor Kontrollverlust fürchten, der quasi nahtlos in eine Herrschaft der Maschinen mündet. Doch warum sollten KIs den Menschen beherrschen wollen, obwohl sie andere Ressourcen und Lebensräume brauchen als der Mensch, der an die Biosphäre gebunden ist? Gegen solche düsteren Szenarien steht auch der menschliche Selektionsdruck auf KIs, der nur nützliche und hilfreiche KIs weiterentwickeln und vervielfältigen wird. Ich bin optimistisch, dass er unser Bestreben dahin lenken wird, eine produktive KI zu entwickeln.

Ruskowski: Gerade weil viele der Szenarien, die wir im Kino präsentiert bekommen, so abstrus sind, müssen wir in der Realität klarmachen, was KI ist – und was sie nicht ist. Dazu gehört, dass wir lernen, mit ihr verantwortungsvoll umzugehen und dass wir immer wieder erklären, wie KI funktioniert.

Hochreiter: Genau. Warum verlangen wir von KI von Anfang an hundertprozentige Perfektion, nicht aber von Menschen? Nehmen wir das Beispiel des autonomen Fahrens: Ein Mensch muss erst den Führerschein machen. Genauso muss die Maschine auch erst zeigen, dass sie alles Verlangte kann und das mit genügend Sicherheit und Robustheit. Aber sie macht bestimmte Fehler eben nicht, wird zum Beispiel nicht müde, wird nicht durch Handyklingeln abgelenkt. Langfristig wird es dank KI deutlich weniger Unfälle geben.

Wie sollten wir – das heißt Wirtschaft und Gesellschaft – uns fit machen für KI? 

Hochreiter: Was die rechtlichen Rahmenbedingungen angeht, müssen wir schnell aufholen. Im Moment geistern viele Einzelfälle durch die Presse, wo diskutiert wird, was alles schiefgehen kann. Ich habe mit Strafrechtlern diskutiert. Der Kreis der Beteiligten bei Produkten, die KI beinhalten, ist größer geworden. Dadurch werden neue Fragen aufgeworfen: Wer ist schuld, wenn bei der Nutzung einer Maschine etwas schiefgeht – der Programmierer, der Sensorhersteller oder die Menschen, die das System trainiert haben oder ihm Daten bereitgestellt haben? Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir nicht alle denkbaren Möglichkeiten im Vorhinein programmieren können. Das Charakteristische von KI-Systemen ist ja, dass sie durch Wahrnehmung ihrer Umwelt lernen.

Ruskowski: Auch im Bereich Aus- und Weiterbildung müssen wir maßgeblich vorankommen. Unsere Lehrpläne in der Schule sind heute zum Beispiel immer noch sehr analog und humanistisch geprägt. Das ist an sich nicht verkehrt, muss aber erweitert werden. Ich beobachte, dass Schulen an vielen Stellen Digitales aus der Welt verdrängen. So werden junge Menschen nicht ausreichend darauf vorbereitet, wie man verantwortungsvoll mit den digitalen Möglichkeiten wie KI umgeht.

Künstliche Intelligenz und Robotik

Roboter werden zunehmend nicht mehr nur in sehr geordneten, durch Schutzzaun eingehausten Produktionszellen eingesetzt, sondern arbeiten in der Produktion mit Menschen zusammen oder müssen sich gar im häuslichen Umfeld in einer »chaotischen« Umgebung zurechtfinden. Künstliche Intelligenz hilft dabei, Roboter auf solche Unwägbarkeiten und Veränderungen einzustellen. Bisher waren Roboter repetitiv, haben mit der immer gleichen Präzision und hoher Wiederholgenauigkeit gearbeitet. Die Anforderungen der Zukunft sind jedoch vielfältiger. Wenn Roboter beispielsweise als Assistenten im Alltag eingesetzt werden sollen, müssen sie flexibel auf Ereignisse in ihrer Umgebung reagieren können. Um das zu erreichen, setzt KUKA maschinelles Lernen ein, einen Bereich der KI. Dabei werden aus Beispielen Vorgehensweisen gelernt, anstatt feste Abläufe explizit zu programmieren. Dennoch gilt immer: Menschliche Erfahrung und menschliche Kreativität sind letztlich durch nichts zu ersetzen.

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