Start-Up

„Innovationen kann man nicht kaufen“

»Tal der Zukunft«, Heimat der »Talente, Erfinder und Propheten« oder »Treibhaus der Innovationen«. Beschreibungen des Silicon Valley sparen nicht an Super­lativen. Nicht zu Unrecht, denn das Silicon Valley an der US-Westküste gilt als das globale Mekka der Tech-Szene. Technologie-Giganten stehen für die US-­amerikanische Dominanz im Bereich Start-ups und IT-Unternehmen. Und Deutschland?

Hat Deutschland im Bereich Start-ups und Hochtechnologie den internationalen Anschluss verloren? Diesem Eindruck widerspricht Konrad Peters, Gründer und Geschäftsführer der Actiworks Application Solutions GmbH: »In Deutschland unterschätzt man, welche Strahlkraft die Marke ›Made in Germany‹ im Ausland hat. Da spielt es auch keine Rolle, ob es sich um ein Auto oder eine Industrie 4.0-Anwendung handelt.« Peters muss es wissen: Das Unternehmen, das er im Jahr 2011 neben dem Studium gegründet hat, ist mittlerweile international aufgestellt.

Actiworks Application Solutions entwickelt Apps, mit denen Firmen von überall auf der Welt ihre Prozesse nachverfolgen und optimieren können. Auch Cloud­lösungen beherrscht das Unternehmen und ist in der Welt von Industrie 4.0 zu Hause. Der 30-jährige Peters ist damit einer jener jungen Gründer, die man eher im Silicon Valley als in Deutschland vermutet.

Die Digitalisierung wartet nicht auf Deutschland

Also alles bestens? Nicht ganz. »Die Digitalisierung wartet nicht auf Deutschland«, warnt Achim Berg, Präsident von Bitkom. Laut einer Studie des IT-Verbands sehen sich 60 Prozent der befragten Unternehmen als Nachzügler im Bereich IT. Nur 20 Prozent investierten 2016 in neue digitale Geschäftsmodelle. Bei der Anwendung der neuesten Technologien liegen die deutschen Unternehmen laut einer aktuellen Studie des World Economic Forums weltweit nur auf Platz zwölf.

Zurückhaltung bei der Digitalisierung sieht auch Dr. Eric Maiser, Leiter des Competence Center Future Business beim VDMA, kritisch. »Unsere Industrie muss vorausschauend und flexibel agieren und eine Resilienz für disruptiven Wandel entwickeln. Offenheit für Neues ist daher seit jeher Pflicht. Im Silicon Valley wird Disruption als Chance begriffen und nicht als Bedrohung. Das sollten wir uns zum Vorbild nehmen.«

Fehlendes Kapital ist ein weiteres Problem, das insbesondere Gründer und Start-ups betrifft. Während in den USA im Jahr 2016 einer KPMG-Studie zufolge rund 69 Milliarden Dollar Wagniskapital zur Förderung von Start-ups flossen, waren es hierzulande nur 1,9 Milliarden. »In Deutschland ist die Förderung junger Unternehmen nicht ausreichend und erfolgt darüber hinaus nach dem Gießkannenprinzip. Das schafft die falschen Anreize, worunter vor allem die kleinen Unternehmen leiden«, sagt Dr. Stefan Schulz, CEO der Vincent Systems GmbH.

Das im Jahr 2009 gegründete Unternehmen entwickelt und produziert innovative Hightech-Prothesen, die weltweit nachgefragt werden. Im Jahr 2017 waren Schulz und seine Kollegen für den Deutschen Zukunftspreis, den Preis des Bundespräsidenten für Technik und Innovation, nominiert. Um dorthin zu kommen, war ein langer Atem notwendig. »Die Arbeitsbelastung und die fehlende finanzielle Sicherheit sind brutal. Das halten nicht viele durch«, so Schulz.

Hochqualifizierte Mitarbeiter sind entscheidend

Allerdings kann er der Kapitalknappheit auch etwas Positives abgewinnen: »Im Silicon Valley findet bisweilen eine Überfinanzierung statt. Dadurch werden Unternehmen träge. Zudem sind Start-ups in Deutschland kein Spekulationsobjekt, das gefördert und irgendwann mit Gewinn wieder abgestoßen wird. Wir hier schaffen nachhaltige Werte.«

Ein besonderes Plus sind die gut ausgebildeten Mitarbeiter. Nicht selten starten zukünftige Kollegen bereits als Werkstudenten bei der Vincent Systems GmbH, schreiben dort ihre Abschlussarbeit und beginnen anschließend ihr Berufsleben. »Wir investieren viel in die Auswahl und Fortbildung unserer Mitarbeiter. Das ist unser Kapital, wenn wir technologisch weiter konkurrenzfähig bleiben wollen. Innovationen kann man schließlich nicht kaufen – sie kommen von hochqualifizierten Kollegen.«

Start-Up Symbolbild

In die gleiche Kerbe schlägt David Rhotert, Gründer und Geschäftsführer der Crowdinvesting-Plattform Companisto. »In puncto Wagniskapital haben wir hier zu kämpfen. Im Vergleich zu den USA wird aber in Deutschland weniger Geld ›verbrannt‹. Wir sind ›Optimierer‹.« Genau an dieser Stelle setzen Rhotert und sein Team bei der Förderung von Start-ups an: »Bei Companisto fokussieren wir uns auf den Bereich Seed bis Early Stage und legen den Fokus auf Technologie. Für uns müssen Start-ups aber vor allem zeigen, dass sie Vorreiter auf ihrem Gebiet sind und uns durch echte Innovationen überzeugen.«

Ein solches Beispiel ist der Online-Supermarkt myEnso. Das E-Commerce-Start-up aus Bremen setzt den Konsumenten radikal in den Mittelpunkt seiner Plattform und strebt eine neue Form des Handelns an. »Die kritische Haltung und der Widerstand in Deutschland können mit der richtigen Perspektive wirklich ein Quell der Innovation werden. Ich glaube in Deutschland ist im Augenblick auch kulturell viel im Wandel. Sollte nun noch der Mut dazu kommen, Neues auch konsequent zu denken und umzusetzen, freue ich mich auf die nächsten großen Entwicklungen«, sagt Gründer und CEO Norbert Hegmann und wandelt damit das Vorurteil »Deutschland hat Angst vor Neuem« in einen Vorteil. »Im Silicon Valley hätte unser Unternehmen keine Chance. Aber hierzulande können wir neue Unternehmensformen entwickeln. Dafür ist Deutschland das perfekte Biotop.«

Hidden Champion auch im Zeitalter der Digitalisierung

Im Vergleich zu den Platzhirschen der Branche ist myEnso noch klein. Überhaupt scheinen die digitalen Riesen schier uneinholbar enteilt. In Europa und Deutschland hat die Politik die Herausforderungen erkannt und beginnt dagegen zu steuern. Derzeit wird beispielsweise ein Ordnungsrahmen erarbeitet, der einen fairen Wettbewerb ermöglichen und kleineren Unternehmen den gesamteuropäischen Markteintritt erleichtern soll.

Bayerns Wirtschafts- und Technologieministerin Ilse Aigner: »In Sachen Industrie 4.0 spielt Bayern in der ersten Liga. Die Mischung aus großen Konzernen, einem lebendigen Mittelstand und der dynamischen Gründerszene ist dafür die Grundlage. Allerdings sehe ich bei kleinen und mittleren Betrieben noch einen Nachholbedarf bei der Digitalisierung.« Bayern hat hierfür den Masterplan »Bayern Digital« verabschiedet und das »Zentrum Digitalisierung Bayern« ins Leben gerufen.

Auf das Digitalisierungspotenzial einer Kooperation zwischen den agilen Start-ups und Mittelständlern verweist auch Dr. Maiser vom VDMA: »Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Hidden Champions, die Produktideen in für alle erschwingliche, handfeste Produkte umsetzen. Das gilt insbesondere für die Produktionstechnik. Gleichzeitig sind Start-ups so wichtig: Nicht nur für neue Technologien wie Machine Learning oder künstliche Intelligenz, sondern auch für neue Arbeitsweisen und Experimentierfreude.«

Wie das in der Praxis erfolgreich aussehen kann, skizziert der Gründer Konrad Peters so: »Mit der Finanzkraft aus dem Silicon Valley können wir nicht mithalten. Daher suchen sich Gründer, genauso wie die klassische Industrie, Nischen, wo sie ihre Technologiekompetenz voll ausspielen können.« Hidden Champions 2.0 sozusagen.

Robot Valley in Schwaben 

Im Sommer 2017 kündigte KUKA umfassende Investitionen in den Hauptsitz Augsburg an. Rund 100 Millionen Euro sollen in den kommenden Jahren in Ausbau und Modernisierung des Traditionsstandortes fließen. Schritt für Schritt soll so bis 2025 ein KUKA Campus entstehen, eine offene, moderne Umgebung, die innovative Ideen und Start-up-Atmosphäre fördert. »Mit Innovationskraft wurden Gebiete wie das Silicon Valley in Kalifornien weltberühmt. Ich denke, das können wir auch«, sagte KUKA CEO Till Reuter. »Unsere Vision ist ein ›Robot Valley‹ oder ein ›Automation Valley‹ hier, denn ich finde der Wirtschaftsraum Bayern hat das Zeug dazu.« Der KUKA Campus vereint Produktion, Forschung und Entwicklung, Ausbildung und Innovation an einem Standort. Das soll die Ansiedlung von jungen Gründungen am Campus und den Start-up-Spirit in der Region fördern.

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