Wenn Kanusport auf Ingenieurswesen trifft – Kanuslalom 4.0

Der KUKAner Thomas Schmidt vereint das Know-How eines Kanuslalom-Kursdesigners mit dem technischen Wissen eines Ingenieurs und der Sicht eines Athleten – und hat so ein innovatives Messsystem für den Kanusport entwickelt.

Im Jahr 2000 gewinnt Thomas Schmidt bei den Olympischen Spielen in Sydney die Goldmedaille im Kanuslalom und krönt damit seine Karriere als Leistungssportler. Nebenbei studiert er Maschinenbau und absolviert sein Diplom im Ingenieurwesen. In seiner Freizeit kombiniert er sein Interesse für hochkomplexe Technikabläufe mit seiner Leidenschaft für den Wildwasserrennsport und entwickelt ein System, das die Fehlentscheidungen in der olympischen Kanu-Disziplin stark reduzieren soll.

Beruflich ist Schmidt bei der KUKA im Vertrieb innerhalb der Business Unit Aerospace als Key Account Manager für deutsche Kunden, wie zum Beispiel Airbus und Premium Aerotec zuständig. Als Key Account ist er außerdem Ansprechpartner, wenn es um neue Projekte und Beschaffungsmaßnahmen geht, aber auch Anlaufstelle für Probleme jeglicher Art.

Die Fehlerquote reduzieren

Auch in seiner Freizeit arbeitet er an einer Lösung für ein großes Problem, ein Problem im Wildwasserslalom. In dieser Disziplin muss der Athlet durch Tore, bestehend aus jeweils zwei Stangen, fahren, ohne diese zu berühren. Im Falle einer Berührung erhält der Sportler Strafsekunden.

Leider entstehen häufig Fehlentscheidungen, da die Stangen durch hochspritzendes Wasser oder Wind in Bewegung versetzt werden. In seiner aktiven Laufbahn kam das bei Thomas Schmidt ein bis zweimal pro Saison vor. Er habe schon erlebt, wie solche Fehlentscheidungen die komplette weitere Lebensplanung bestimmt und zum Karriereende geführt haben. Deshalb arbeitet er mit Freunden an einem System mit Sensoren, die eine echte Berührung von Wind und Wasser unterscheiden. „Ich wollte eine möglichst faire und objektive Bewertungsfähigkeit erreichen, gleichzeitig aber die Charakteristik des Sportes nicht verändern. Torstäbe sind seit Jahrzehnten an Seilen aufgehängt. Sie dienen damit neben Wildwasserfeatures aus Steinen und entsprechenden Strömungsverhältnissen als künstliche Hindernisse“, erklärt der KUKAner. Da er dies unbedingt so erhalten wollte, ist das System so konzipiert, dass es in die Stange eingebaut ist. Von außen ist nichts zu sehen. Die Elektronik erfasst die Beschleunigungswerte im Fall einer Berührung. Durch maschinelles Lernen können mithilfe eines neuronalen Netzwerkes, das mit Beschleunigungsmustern trainiert wird, die verschiedenen Arten von Berührungen unterschieden werden. Ähnlich wie bei den intelligenten Robotern, die mit Abläufen oder bestimmten zu unterscheidenden Gegenständen trainiert werden.

Angefangen hat alles mit ein paar einfachen Versuchen mit Beschleunigungssensoren des deutschen Kanu Verbandes, die eigentlich für ganz andere Zwecke benutzt wurden. Gemeinsam mit einem der Sportwissenschaftler des Olympiastützpunktes Bayern habe er dann angefangen, im Eiskanal in Augsburg mit den in Torstangen montierten Sensoren Daten zu sammeln. Bei der Analyse der Daten waren je nach Berührung sehr deutliche Unterschiede zu erkennen. In einem Team, welches sich aus der Hochschule Augsburg, der University of Ulster, dem OSP Bayern und Thomas Schmidt zusammensetzt, wurden dann Ideen gesammelt, Voruntersuchungen gemacht und letztendlich vier Prototypen gebaut.

Umfassendes Wissen

Durch seine jahrelange Erfahrung in der Sportart hat Thomas Schmidt alle Kenntnisse, die zur Entwicklung eines solchen Systems notwendig sind. In den letzten acht Jahren hatte er eine Funktion in der technischen Slalomkommission des Kanu-Weltverbandes inne. Diese Kommission arbeitet an der Anpassung des Regelwerkes an die Bedürfnisse des Sportes und gestaltet damit die Entwicklung des internationalen Sportgeschehens mit.  Neben seiner Funktion in der Kommission war Thomas Schmidt als Kursdesigner bei den Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen tätig. Seine Aufgabe war es, mit einer Kollegin die Strecke zu designen. Schmidt vereint das Know-How eines Kursdesigners mit technischem Wissen und der Sicht eines Athleten – und kann so am besten entscheiden, ob das System für den Sport geeignet ist.

Der Traum vom olympischen Gold

Schmidt selbst begann 1985 mit dem Wettkampfsport, betrieb den Kanuslalom ab 1992 auf Leistungssportniveau. Der Höhepunkt seiner Karriere war, als er bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney die goldene Medaille holte. Erst ein Jahr zuvor sah es gar nicht danach aus, dass er überhaupt teilnehmen könnte. Aufgrund einer schweren Schulterverletzung fiel er längere Zeit aus. Zu den Wettkämpfen in Augsburg, bei denen die Besetzungen des deutschen Teams für Olympia ausgefahren wurden, war er wieder einigermaßen fit und schaffte es sich zu qualifizieren. In der folgenden Zeit hat er studiert, trainiert und musste zur Reha. Auf Wettkämpfen lag er immer unter den ersten Fünf, er hatte Spitzenzeiten, musste aber durch Stangenberührungen immer Strafsekunden einstecken. Selbst sagt er: „In der der Zeit war ich immer gut, aber nie top.“ Von da an konzentrierten sich sein Trainer und er darauf, die Fehlerquote zu senken. Und bei Olympia glückte es dann, mit null Fehlerpunkten holte er die Goldmedaille. „Es war ein unglaubliches Gefühl, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, erstmal überhaupt die Möglichkeit zu bekommen. Der Gewinn der Goldmedaille war erst recht ein unfassbares Gefühl“, erinnert er sich.

2004 hat Thomas Schmidt seine aktive Karriere als Leistungssportler beendet. „Heute fahre ich nur noch in meiner Freizeit, wenn das Wetter passt“, erzählt er. Mit den vier entwickelten Prototypen werden im Moment Erprobungen durchgeführt, um die Durchführbarkeit und Funktionalität des Systems zu beweisen. Ein System, das wie die kollaborativen Roboter die Produktion revolutionieren, den Wasserrennsport revolutionieren könnte. Und wenn alles gut läuft, ist Thomas Schmidt mit seinen sensiblen Torstangen bald wieder bei Olympia.

Schreibe einen Kommentar